JOHANNES STEINIGER

Mitglied des Deutschen Bundestages


Sa. 29.09.18

Ehrenbürger Europas: Rede zur Einweihung des Helmut-Kohl-Ufers in Speyer

Heute hatte ich die Ehre gemeinsam mit Maike Kohl-Richter das Helmut-Kohl-Ufer in Speyer einzuweihen. Meine Rede dazu zeigt den Verdienst Helmut Kohls für die Pfalz und für ganz Deutschland.

Sehr geehrte Frau Dr. Kohl-Richter, sehr geehrter Oberbürgermeister Eger, sehr geehrte Ehrengäste, meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist heute eine große Ehre für mich, die zentrale Rede für den Ehrenbürger Europas Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl, den Kanzler der Einheit, zu halten. Wir alle freuen uns, dass wir nun ab sofort in Speyer ein Helmut-Kohl-Ufer haben werden.

Jetzt mag der ein oder andere fragen: was verbindet einen 31-jährigen Mann aus Bad Dürkheim mit Bundeskanzler Helmut Kohl, der von 1982 bis 1998 die Geschicke Deutschlands lenkte? 1998, als der hier vor Ihnen stehende Redner gerade in die sechste Klasse ging.

Da ist auf der einen Seite eine persönliche Begegnung. Im Jahr 2000 war Helmut Kohl in meiner Heimatstadt Bad Dürkheim zu Gast um beim Bürgermeisterwahlkampf unseren Kandidaten zu unterstützen. Meine Mutter ermutigte mich, den damals 12jährigen, bei diesem öffentlichen Auftritt mir doch einmal diesen wichtigen Mann anzuschauen. Und welche Wirkung Helmut Kohl auf Menschen hatte, konnte ich an diesem Nachmittag an mir selbst sehen. Seine sehr imposante und gleichzeitig auf Menschen zugehende Art ist mir eine der recht wenigen Kindheitserinnerungen, die mir sehr stark im Gedächtnis geblieben sind. Und diese Begegnung war in der Rückschau unterbewusst sicherlich auch eine Art Wendepunkt in der politischen Sozialisation von mir. Mit der Jungen Union waren wir dann zwei Mal in Oggersheim gewesen. Wir, über 300 junge Männer und Frauen, sangen zu seinem 80. Geburtstag unter Anleitung von Gotthilf Fischer ein Geburtstagsständchen. Ich muss nicht extra erwähnen, dass wir nicht gehen durften, bis nicht jeder ein Glas Pfälzer Riesling in der Hand hielt. Aber wir trauerten auch gemeinsam im vergangenen Jahr, als Helmut Kohl verstarb, und legten in Oggersheim unter großer Anteilnahme vieler junger Menschen einen Kranz zu seinen Ehren nieder.

Hieran mag man erkennen, wie stark Helmut Kohl junge Menschen meiner Generation für Politik begeistert hat.

Es verbindet mich und meine Generation eine große Dankbarkeit dafür, dass wir heute in Frieden und Freiheit in einem geeinten Europa leben dürfen. Der prägende Leitsatz von Helmut Kohl, mit dem man sein Lebenswerk auf den Punkt subsummieren kann, ist:

 „Die deutsche Einheit und die europäische Einigung sind zwei Seiten derselben Medaille“.

Dass er beides für uns möglich gemacht hat, werden wir nie vergessen, meine sehr geehrten Damen und Herren.

Wenige Meter von hier befindet sich die Jugendherberge von Speyer. Schüler- und Jugendgruppen aus ganz Europa sind hier zu Gast.

Das deutsch-französische Jugendwerk, die deutsch-polnische Aussöhnung, Helmut Kohl hat nach Kräften den Austausch besonders junger Menschen gefördert. Dadurch sind in Europa viele Freundschaften entstanden. Der „Erzfeind Frankreich“ ist eine Zuschreibung aus einer anderen Zeit.

Studieren in Paris, arbeiten in Brüssel und ein Kurztrip an die Adria – das Leben und arbeiten in Europa sind heute eine Selbstverständlichkeit. Und wir erkennen beispielsweise bei der Aktion „Pulse of Europe“, bei der sich übrigens die örtliche Junge Union stark engagiert, dass sich viele junge Menschen heute als Europäer  sehen. Auch dies ist ein Vermächtnis von Helmut Kohl.

Dahinter steht die große europäische Idee. Sie hat Staatsmänner miteinander verbunden – Kohl und Mitterrand standen hierfür. Sie hatten die Vision, dass nur ein vereintes Europa Garant für Frieden, Freiheit und Wohlstand ist. Und man muss sich immer vor Augen halten, dass politische Haltung durch eigenes Erleben und Erfahren entsteht. Helmut Kohl hatte im Krieg die Toten gesehen. Bilder, die unter den heute hier anwesenden wohl Gott sei Dank fast keiner mehr vor Augen hat. Aber es waren eben diese Erfahrungen von Krieg und Leid, die zu dem unglaublich starken Willen geführt haben, alles dafür zu tun, dass so etwas nie mehr passiert. Und genau vor diesem Hintergrund muss man seinen Einsatz für die deutsche und europäische Einigung sehen. Er hat dies sehr klar auf den Punkte gebracht, wenn er sagt, dass „Europa eine Frage von Krieg und Frieden“ sei und ich ergänze, „und bleibt“.

Genau deshalb ist es auch der klare Auftrag an die aktuelle Politikergeneration, dies immer wieder zu erarbeiten. Europa muss den Menschen begreifbar gemacht werden. Es gilt, die Menschen immer wieder von dieser großartigen Idee zu begeistern. Es gilt aber auch tatkräftig voran zu schreiten. Über Missstände nicht hinweg zu sehen. Wir können uns Stillstand in Europa eben gerade nicht leisten, sondern müssen die langen Linien im Blick behalten. Das heißt konkret, ein stärkeres gemeinsames Bewusstsein für die wichtigen Aufgaben; eine Besinnung auf gemeinsame Werte und Ziele – die man sehr gut findet, wenn man auf die Gründerväter zurück schaut; Und wir brauchen in Europa wieder ein Mehr an Miteinander und ein weniger an nationalen Alleingängen. Helmut Kohl hat dies zuletzt im Jahr 2016 gut zum Ausdruck gebracht:

Es braucht unter den Völkern Europas insgesamt wieder mehr Gespür für das Machbare und das dem anderen Zumutbare, auch wieder mehr Respekt vor der Geschichte und den Befindlichkeiten des anderen.

Mit Speyer war Helmut Kohl zeitlebens eng verbunden. Er hatte hier die prägende Zeit am Gymnasium, die politische Sozialisation in den Nachkriegsjahren. Aber da war eben vor allen Dingen auch der Speyerer Dom, dessen beeindruckende Kulisse als Symbol für sein christliches Leitbild in der internationalen Politik angesehen werden kann. Dieses Leitbild von Kultur, Kirche und Dom ist der genaue Gegensatz zu der Beliebigkeit, die wir bisweilen in der heutigen Zeit erleben.

Aber er war nicht nur großer Staatsmann, sondern auch Botschafter für die Pfalz.

Staatsgästen hat er seine Pfalz gern gezeigt – er war stolz auf seine Heimat. Neben dem obligatorischen Pfälzer Saumagen, Wanderungen im Pfälzerwald standen immer auch Besuche in Speyer und im Speyerer Dom auf dem Programm.

Und deshalb sind wir alle sehr froh, dass der Stadtrat nach der Einbindung von tausend Bürgern per Online-Voting mit großer Mehrheit entschied, dass es das Helmut-Kohl-Ufer in Speyer gibt. Ein Verfahren, diese Spitze sei mir erlaubt, von dem sich andere Städte in unmittelbarer Nähe eine Scheibe abscheiden könnten.

Und auch die Namensgebung ist klug: Helmut-Kohl-Ufer soll dieser Rheinabschnitt nunmehr heißen und nicht Helmut-Kohl-Promenade. Und das entspricht auch vielmehr den Eigenschaften von Helmut Kohl. Er war eben gerade kein Flaneur auf einer Promenade. Er war zielgerichtet unterwegs, wollte Entscheidungen von Bestand und brach eben –Stichwort Deutsche Einheit – immer wieder erfolgreich „zu neuen Ufern auf“.

Und dies auch gegen den Strom, wenn es um die eigene Überzeugung ging.

Das Ergebnis der Bürgerabstimmung  wär sicher in seinem Sinne. Hier am Rheinufer kommt man zusammen. Es ist ein Ort der Begegnung und des Austausch. Und der Rhein verbindet heute Regionen in Europa.

Der „Vater“ Rhein ist nicht irgendwer, er ist der „Urstrom“ der Deutschen – identitätsstiftend. Heute die wirtschaftliche Kraftachse in Europa, seinerzeit prägend für eine ganze Epoche der Rheinromantik – ich sage nur „Hüter des Nibelungenschatzes“.

Die Bedeutung des Rheines für die Deutsche Einheit allerdings ist bestimmt dem ein oder anderen nicht bekannt. In seinen Erinnerungen beschreibt Helmut Kohl ein Gespräch mit Gorbatschow im Juni 1989 in Bonn. Nach dem Abendessen gingen beide zu einem 4-Augen-Gespräch durch den Park des Kanzleramtes und liefen Richtung Rhein. In diesem Gespräch wurde auch die deutsche Teilung thematisiert, die Gorbatschow naturgemäß als logische Folge der Geschichte sah, Helmut Kohl dagegen diese als „die entscheidende Belastung zwischen den beiden Völkern sah.“. In diesem Moment zeigt Kohl Richtung Rhein und formulierte:

Schauen Sie sich diesen Fluss an, der an uns vorbeiströmt. Er symbolisiert die Geschichte; sie ist nichts Statisches. Sie können diesen Fluss stauen, technisch ist das möglich. Doch dann wird er über die Ufer treten und sich auf andere Weise den Weg zum Meer bahnen. So ist es auch mit der deutschen Einheit. Sie können ihr Zustandekommen zu verhindern suchen. (…) Aber so sicher wie der Rhein zum Meer fließt, so sicher wird die deutsche Einheit kommen – und auch die europäische Einheit.

Kohl schreibt, dass Gorbatschow sich die Überlegungen anhörte und nicht mehr widersprach.

Helmut Kohl ruht in Frieden unweit des Speyerer Doms – in dieser Stadt, die für ihn viel bedeutet hat. Ein Stück des Ufers des Rheins trägt jetzt den Namen des Ehrenbürgers von Europa Bundeskanzler Dr. Helmut Kohl. Und meine Vision wäre es, dass wir die Erinnerung an ihn dadurch lebendig halten, dass wir in möglichst vielen Städten entlang des Rheins – am besten von hier bis nach Bonn, das Ufer nach ihm benennen.

Herzlichen Dank für alles, Helmut Kohl!

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